Fischer: Perioden-bezogene Patientenklassifikationssysteme.

Z I M - Artikel - Nov. 1999
Letzte Änderung: Jan. 2001


Perioden-bezogene Patientenklassifikationssysteme

Wolfram Fischer

Zentrum für Informatik und wirtschaftliche Medizin
CH-9116 Wolfertswil SG (Schweiz)
http://www.fischer-zim.ch/


Inhalt
 •  Einleitung
 •  Überblick
 •  ACG - Adjusted Clinical Groups
 •  GRAM - Global Risk-Assessment Model
 •  CRG - Clinical Risk Groups
 •  Schlussbemerkungen
 •  Referenzen
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1

Einleitung

Managed Care Im Zusammenhang mit der Entwicklung von Managed-Care-Modellen in der Gesundheitsversorgung steigt der Bedarf an Patientenklassifikationssystemen, welche Leistungserbringer-übergreifende Kategorien bilden.
Populationsbezogene Risikostrukturen Sie dienen der Bewertung von populationsbezogenen Risikostrukturen.
Kopfpauschalen Im Weiteren können sie zur prospektiven Vergütung von "risikobereinigten" Kopfpauschalen verwendet werden.
Risikoausgleich? Grundsätzlich wäre es auch denkbar, solche Modelle zur Verfeinerung des Risikoausgleichs zwischen den Krankenkassen zu verwenden.1

1 Der obligatorische Risikoausgleich der Krankenkassen in der Schweiz beruht momentan auf einer Durchschnittskosten-Berechnung für alle Versicherten, welche dazu in 5-Jahres-Altersklassen und nach Geschlecht in insgesamt 30 Gruppen eingeteilt werden.)
 
 

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Überblick

Diagnose-Codes
+ Alter
+ Geschlecht
Die im Folgenden vorgestellten Systeme kategorisieren die Versicherten aufgrund der während einer bestimmten Periode gesammelten ICD-Diagnosecodes und den Angaben zu Alter und Geschlecht der Versicherten. Dies sind die in den USA auch bei ambulanten Behandlungen standardmässig erhobenen Daten.
Periode Als Auswertungsperiode wird vielfach ein Jahr oder ein halbes Jahr verwendet.
ACG Das System der Adjusted Clinical Groups (ACG) der Johns Hopkins University enthält 93 sich gegenseitig ausschliessende Gruppen. In einer aggregierten Form mit 17 Gruppen wurde es in Maryland zur indikationsbezogenen Festlegung von Kopfpauschalen verwendet. - Die Varianzreduktion bezüglich der Fakturabeträge des Folgejahres beträgt 8% bis 20%.
In Maryland wurden auf der Basis des ACG-Systems 17 indikationsbezogene Kopfpauschalen zur Abgeltung aller nicht-psychiatrischen Dienste von Medicaid-Versicherten festgelegt.
GRAM Das Global Risk-Assessment Model (GRAM) der Kaiser Permanente ist ein Regressionsmodell mit 98 Koeffizienten. - Die Varianzreduktion beträgt ca. 17%. Die "Prediction Ratio", d.h. die Varianzreduktion bezüglich der Kosten des Folgejahres, wird mit 8.5% angegeben.
CRG Im System der Clinical Risk Groups (CRG) sind 1'083 Gruppen definiert. Es kann für unterschiedliche Anwendungen in unterschiedlicher Weise aggregiert werden. Für Vergütungszwecke wird eine Aggregation zu 34 Gruppen vorgeschlagen. - Die "Prediction Ratio" wird mit 9% bis 10% angegeben.
 
 

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ACG - Adjusted Clinical Groups

93 Patientengruppen Eines der frühen periodenbezogenen Patientenklassifikationssysteme war das ACG-System. In der ersten Version enthielt es 51 Patientengruppen [Weiner, 1991], zur Zeit sind es 93.
Ursprünglich stand die Abkürzung ACG für: "Ambulatory Care Groups" . Heute wird sie übersetzt mit "Adjusted Clinical Groups".
Konstruktionsansatz Zur ACG-Zuteilung werden alle während eines Jahres gestellten Diagnosen gesammelt und in einer Art Diagnose-Profil-Gruppe zusammengefasst. Dazu wurden die über 13'000 amerikanischen Diagnosecodes aus ICD-9-CM, zu 32 Krankheitsgruppen zusammengefasst. Diese erhielten den Namen ADG: Adjusted Diagnostic Groups. (In Abb. 3 sind einige ADG-Beispiele sind aufgelistet.) Innerhalb eines Jahres können bei einem Patienten verschiedene ADG's auftreten. Alle ADG's eines Jahres werden, zusammen mit den Informationen über Alter und Geschlecht, in genau eine ACG pro Patient zusammengefasst. Es gibt 93 ACGs. (Vgl. Beispiele in Abb. 2.)
Die ACGs werden als Beschreibung des Gesundheitszustandes eines Patienten verstanden.
Varianzreduktion Die Varianzreduktion kann man z.B. berechnen für die Kosten oder für Anzahl Konsultationen. Für die erste ACG-Version werden für die ambulanten Fakturabeträge R2-Werte von 34% bis 39% angegeben, für die Anzahl der ambulanten Konsultationen 32% bis 50%.
Zur Voraussage des Risikos werden die Patienten aufgrund der Diagnosen des Vorjahres klassifiziert. Die Varianzreduktion beträgt nun nur noch 18% bis 20%. Die Varianzreduktion für die gesamten fakturierten Beträge beträgt noch etwa 15%. [Weiner, 1991]
Neuere Werte liegen eher tiefer und korrespondieren mit dem weiter unten vorgestellten CRG-System. (Vgl. u.a. auch Abb. 4).
Abb. 1:
Bildung von ACGs
Abb.: Bildung von ACGs
Abb. 2:
ACG-Beispiele
ACG 0200 Nur eine oder mehrere leichtere akute Krankheiten, Alter 2-5 Jahre.
ACG 1732 Schwangerschaft (ohne Geburt) mit 2-3 verschiedenen ADG's, wovon mindestens eine mit einer ernsthaften oder schweren Erkrankung.
ACG 2300 Kombination nur von leichteren akuten und chronisch stabilen Erkrankungen, alle Altersgruppen.
ACG 4330 4-5 verschiedene, anderweitig nicht kategorisierte ADG's, wovon zwei oder mehr mit mindestens einer ernsthaften Erkrankung.
ACG 5321 Neugeborenes mit 1-5 ADG's, wovon mindestens eine mit einer ernsthaften oder schweren Erkrankung, und mit geringem Geburtsgewicht (unter 2500 Gramm).

Quelle: CSC, 1998: 5

Abb. 3:
ADG-Beispiele (Basis der ACG-Zuordnung)
Beispiele von Adjusted Diagnostic Groups:
  • Zeitlich begrenzte, leichtere Erkrankung.
  • Progressive Erkankung, die wahrscheinlich wiederholt auftritt.
  • Chronische, medizinisch stabile Erkrankung.
  • Sich wiederholende oder persistente, unstabile psychische Erkrankung.

Quelle: CSC, 1998: 5

ACG-Anwendungen Die ACG-Klassifikation entstand als System zur Klassifikation ambulanter Behandlungen. Es wurde in einigen Ländern Europas, insbesondere in Schweden und in Spanien getestet.
Exkurs:
RACs
(Risk Adjusted Categories)
In Maryland wurden auf der Basis des ACG-Systems 17 indikationsbezogene Kopfpauschalen zur Abgeltung aller nicht-psychiatrischen Dienste von Medicaid-Versicherten festgelegt. [Weiner et al., 1998]
Dazu wurden die ursprünglich 52 ACGs der Version 3.00 mit klinisch relevanter Bedeutung zu kostenhomogenen Vergütungskategorien zusammengefasst. Dies wurde separat einerseits für Familien mit unterstützungspflichten Kinder ("AFDC" = "aid to families with dependent children") und andere Nicht-Behinderte Versicherte und andererseits für Versicherte mit "Ergänzungsleistungen" ("SSI" = "supplemental security income") und mit Behinderungen gemacht. Insgesamt wurden 17 sogenannte RACs (Risk-Adjusted Categories) definiert.
Die Pauschalen, die an Managed Care Organisationen ausbezahlt werden, schwanken zwischen US $45 und $1'000 pro Monat und Patient. Für Behandlungen von Schwangeren und für Geburten wird separat und retrospektiv eine Kopfpauschale von $4'000 vergütet. Auch psychiatrische Behandlungen werden separat - auf Einzelleistungsbasis - abgerechnet. Für AIDS-Patienten werden gesondert $2'000 pro Monat bezahlt. (HIV infizierte Patienten werden normal nach ACG klassiert; zusätzlich werden gewisse in einer Positivliste aufgeführte Medikamente und Behandlungen gesondert vergütet.) Im Weiteren werden auch Behandlungen für Patienten, die eine von 32 speziell definierten, seltenen und sehr aufwendigen Krankheiten haben auf Einzelleistungsbasis abgerechnet. Für teure Spitalaufenthalte werden zusätzlich zur Kopfpauschale 90% jener Kosten bezahlt, die über einem Jahresbetrag von $61'000 liegen ("stop-loss threshold"). Für die AFDC-Population werden ca. 65%, für die SSI-Population ca. 86% der Kosten über Kopfpauschalen gedeckt, der Rest über die oben genannten Ausnahmen.
Die Werte für die Varianzreduktion bei der Vorhersage der Kosten des Folgejahres aufgrund der RACs und der ACGs sind identisch (vgl. Abb. 4). Die Werte sind zwar besser als bei der Gruppierung nach Alter und Geschlecht, aber sie liegen bei nur etwa 10% und sind somit sehr klein.
Abb. 4:
R2-Werte zur Vorhersage der Kosten des Folgejahres der Medicaid-Versicherten in Maryland (1993-1994)
Art der Gruppenbildung Anzahl Gruppen AFDC-Population SSI-Population
Alter und Geschlecht ?2.5%0.5%
ACGs 528.2%12.3%
RACs 178.1%12.2%

Quelle: Weiner et al., 1998: 39

 
 

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GRAM - Global Risk-Assessment Model

An der PCS/E-Konferenz von 1998 in Manchester gab M.C. Hornbrook (Kaiser Permanente, Oregon) Einblick in das "Global Risk-Assessment Model" (GRAM). [Hornbrook, 1998] [Meenan et al., 1999]
Populationsbezogen Es wurde versucht, ein System zu entwickeln, mit dem sich die erwarteten Behandlungskosten einer definierten Patientienpopulation für Prävention, Diagnostik und Therapie möglichst gut schätzen lassen.
Potenzielle Variablen Als Risikofaktoren werden 5 Klassen von sogenannten "Konsumenten-Attributen" genannt, welche die Behandlungskosten beeinflussen:
  • demografische Angaben
  • Diagnosen
  • Fähigkeitseinschränkungen
  • Konsumhaltung (bezüglich Leistungen des Gesundheitswesens)
  • Risikoverhalten
Für das Modell wurden nur die demografischen Angaben und die Diagnosen verwendet, da zu den übrigen Faktoren keine brauchbaren Daten vorhanden waren.
Datenerhebung Die Ergebnisse basieren auf einer zweijährigen Datenerhebung von 98'985 Versicherten.
"Clinical-Behavioral Diagnosis System" Zur Charakterisierung der Diagnosen wurde ein "Clinical-Behavioral Diagnosis System" geschaffen mit folgenden Dimensionen:
  • 3 Schweregradkategorien
  • 18 Kategorien zur Beschreibung des zu erwartenden Behandlungs-"Verhaltens", d.h. von Behandlungsart und Kostenintensität (CBC's)
  • 117 klinische Kategorien (CBS's)
Mehrfache Klassierung Ähnliche Diagnosen wurden zu Krankheitsgruppen zusammengefasst. Ein Patient kann gleichzeitig bezüglich mehreren Krankheiten klassiert werden. Die Kategorien haben demnach gewisse Ähnlichkeiten mit den ADG's aus dem ACG-Modell (vgl. oben).
Regressionsmodell Zur Berechnung der geschätzten Kosten wendet GRAM ein lineares Regressionsmodell mit 98 Koeffizienten an.
Varianzreduktion Die Varianzreduktion bezüglich der Kosten des Erhebungsjahres beträgt 16.8%. Wenn zusätzlich auch demografische Variablen verwendet werden erhöht sich die Varianzreduktion leicht (auf 17.7%).
Die "Prediction Ratio", d.h. die Varianzreduktion bezüglich der Kosten des Folgejahres, wird mit 8.5% angegeben. Für Leute über 65 sinkt sie auf 4%.
 
 

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CRG - Clinical Risk Groups

Präsentation 1999 An der PCS/E-Konferenz von 1999 stellte R. Averill das CRG-System der 3M vor.
Wie die bereits oben vorgestellten Systeme will auch dieses System klinisch bedeutungsvolle Gruppen bilden, mit denen die Kosten im Folgejahr geschätzt werden können.
1'083 CRG's Das Besondere an diesem System ist die Aggregierbarkeit auf 3 Ebenen. Diese entsprechen drei Sichtweisen. Die insgesamt 1'083 CRG's werden wie folgt zusammengefasst:
Aggregationsebenen
  • nach Schweregraden in 370 Gruppen
  • für das Management in 131 Gruppen
  • zur Vergütung in 34 Gruppen
CRG-Zuteilung Die Zuteilung einer CRG zu einem Patienten während einer Behandlungsperiode (z.B. während eines Jahres) geschieht in folgenden fünf Schritten:
  1. Erfassung des Krankheitsprofils (Diagnosen).
  2. Bestimmung der Hauptkrankheit jedes Organsystems.
  3. Bestimmung des Schweregrades jeder Krankheit.
  4. Bestimmung der Basis-CRG und des Gesamtschweregrades.
  5. Aggregation für Management oder Vergütung.
9 Zustände Die Basis-CRG werden 9 Zuständen zugeordnet:
Abb. 5:
CRG-Zustände
Status Anzahl Basis-CRG's Anzahl Schweregrade Anzahl CRG's
1. Gesund 111
2. Akute Erkrankung, keine chronischen Krankheiten 616
3. Eine leichtere chronische Krankheit 40280
4. Mehrere leichtere chronische Krankheiten 144
5. Einzelne dominante und mittelschwere chonische Krankheit 1092, 4405
6. Mehrere signifikante Krankheiten 612, 4, 6324
7. 3 dominante chronische Krankheiten 216126
8. Dominante / metastatische Neubildungen 23492
9. Katastrophale Krankheiten 11444
- Nicht gruppierbar (Codierungsfehler) 111
Insgesamt 274(6)1'083
Varianzreduktion Die Varianzreduktion R2 bezüglich der Kosten des Folgejahres (die "prediction ratio") beträgt gemäss den Angaben der 3M 8.8% bis 10.2%, ist also sehr klein.
 
 

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Referenzen

[CSC, 1998] CSC: Computer Sciences Corporation: The Johns Hopkins ACG Case-Mix System(TM). Help in Taking the Risk Out of Physician Profiling, Capitated Payments, and Quality Improvement Analyses. 1998 (CSC): 8 pp.
[Hornbrook, 1998] Hornbrook MC: Global Risk-Assessment Model (GRAM). In: Proceedings of the 14th PCS/E International Working Conference. Manchester, 1998: 9 + 386-397.
[Meenan et al., 1999] Meenan RT, OKeeffe Rosetti C, Hornbrook MC, Bachman DJ, Goodman MJ, Fishman PA, Hurtado AV: The Sensitivity and Specificity of Forecasting High-Cost Users of Medical Care. In: Med Care, 1999(37)8: 815-823.
[Weiner et al., 1998] Weiner JP, Tucker AM, Collins AM, Fakhraei H, Lieberman R, Abrams C, Trapnell GR, Folkemer JG: The Development of a Risk-Adjusted Capitation Payment System: The Maryland Medicaid Model. Journal of Ambulatory Care Management 1998(21)4: 29-52.
[Weiner, 1991] Weiner JP, Starfield BH, Steinwachs DM, Mumford LM: Development and Application of a Population-Oriented Measure of Ambulatory Care Case-Mix. Medical Care 1991(29)5: 452-472.

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( Letztmals generiert: 19.11.2012 )